Wie frei bin ich? - Ausflugstherapie in den Treptower Park - Sowjetisches Ehrenmal

Aktualisiert: Aug 10

Ein Versuch über faschistisch-kommunistische Ideologien, die eigene Vergangenheit in DDR und BRD und was sie mit uns macht - aus der Sicht von Bewohner*innen einer Seniorenresidenz mit Fokus Wernicke-Korsakow-Syndrom

Forschungsstand: 10.08.2021


Artikel über Ausflugstherapie, ein recreationaler Ansatz der Kunsttherapie

  1. Ausflug 1: The cast whale project, St. Elisabeth, Berlin - Der Buckelwal und ich

  2. Ausflug 2: Gärten der Welt 1 (Engl. & Oriental. Garten), Berlin - Quelle, Dill und Zuckerschote

  3. Ausflug 3: Treptower Park 1 (Ehrenmal), Berlin - Wie frei bin ich?


Du, laß dich nicht verhärten - In dieser harten Zeit.

Die allzu hart sind, brechen.

Die allzu spitz sind, stechen.

Und brechen ab sogleich.

Du, laß dich nicht verbittern - In dieser bittren Zeit.


Wolf Biermann, Ermutigung (Ausschnitt)


Die Ausflugstherapie, wie wir sie gerade im Team konzipieren, erfahren und auswerten speist sich aus Elementen einer besonderen Kooperationsbereitschaft und der Offenheit neuen Eindrücken und auch Weltanschauungen gegenüber.

Ursprünglich kam die Idee seitens der Bewohner*innen, Wald (Idee des "Waldbaden" - jap. Shinrin Yoku) erleben zu wollen. Mein Kollege von der Arbeitstherapie brachte den Gegenvorschlag, dafür eher den Herbst zu nutzen und schlug den Treptower Park mit seinen besonderen Sehenswürdigkeiten (v.a. Sowjet. Ehrenmal) und altem Baumbestand, einem ehemaligen Wald mit Parkumgestaltung, vor. Mir grauste es sofort und ich empfand einen tiefen Widerwillen, auch Widerstand, gegen die Vorstellung, ein politisches, gar ideologisches Thema aufgreifen zu müssen.



Jeder zählt und hat etwas zu geben - ein offener Denkraum entsteht


Nichtsdestotrotz bin ich ja neugierig. Ich will es zumeist wissen und reflektiere mich gerne. Will erleben, was die Themen und Räume mit mir machen. Be-Wertungsfrei, so gut es geht. Weil ich durch die Ideen der Achtsamkeitspraxis und Atmosphärenforschung, Ansätzen, verstärkt mit der eigenen Wahrnehmung - den Sinnen, den Erfahrungswerten und der eigenen Logik (Denken lernen) - zu arbeiten, hochinteressante und v.a. inspirierende und meinen eigenen geistigen Horizont öffnende Erfahrungen mache. Ein langer Satz. Will sagen: In dem ich mich meinen Widerständen und mit offenem Geist einem Thema stelle, erfahre ich ein Gelingen, weil ich mich überwinde. Auch begreife ich, was ich vermitteln kann und was nicht. Erfahrungswerte aus der Zeit der DDR z.B. bringe ich nicht mit und überlasse das auch den Menschen, die es erfahren haben. Jede*r von uns ist auf seine besondere Weise kompetent und zusammen entsteht dieses Dritte, undenkbar inspirierende neue Feld. Ich erschaffe einen Rahmen für diese Möglichkeiten, eröffne einen Wahrnehmungs- und Denkraum. Das merke ich gerade jetzt beim Aufschreiben.


Meine ursprüngliche Kunsttherapie-Gruppe kam zum Teil mit, drei neue Bewohner*innen waren das erste Mal dabei - also sechs Bewohner*innen und zwei Therapeut*innen. Also auch eine neue Gruppendynamik. Noch bin ich bisweilen recht aufgeregt, die Ausflüge durchzuführen. Dennoch wird auch das ein wenig leichter, weil ich vertrauter werde mit meinem Kollegen - auch mit den Bewohner*innen. Einen Kollegen an der Seite zu haben, der väterlich ist und auch die Bewohner*innen schon ein gutes Stück des Lebens begleitet hat. Er ist eher wie das Standbein, ich vielleicht das Spielbein (dennoch sind wir da nicht festgelegt). Nur zusammen mit beidem - wie Wurzel und Flügel - kann es gut werden. Eine wertvolle Erfahrung, wenn Menschen zusammen etwas bewegen wollen und jede*r sich mit seinen Fähigkeiten und Wissen einbringt. Erwähnen möchte ich aber auch die Kolleg*innen auf dem und außerhalb des Wohnbereichs, die unsere Arbeit eigentlich erst möglich machen. Ohne ihre wertvolle Vor- und Mitarbeit würde das nicht so gut funktionieren.


Das Zusammenfinden, um gemeinsam zum Bus zu gehen, erweist sich als ein Kaugummiakt - er dauert und ist zäh. Gehört aber zum Prozess dazu. Es ist ein wenig aufregend jedes Mal und auch so manche*r Bewohner*in muss sich auch überwinden. Ein wenig oder mehr Angst und Sorge, das Gewohnte und Sichere zu verlassen (die Unsicherheit im Außen - das Spüren von Multimorbidität und Hinfälligkeit), schwingt bei einigen mit. Eine mir schon sehr vertraute Bewohnerin hat Zahnschmerzen und sagt kurzfristig ab, ein anderer Bewohner möchte gerne spontan mit. Hier fügt sich etwas leicht. Eine Bewohnerin äußert mir gegenüber Freude, mit dabei sein zu dürfen. Ihre Augen strahlen. Sie kommt stets gerne zur Kunsttherapie und ist eine der Künstlernaturen der Gruppe.


Das Abenteuer kann beginnen.


Ich versuche mein Bestes zu geben, um für lockere Stimmung zu sorgen, obwohl ich eine ehemalige Angstpatientin bin und es bisweilen in meinem Körper als Unruhe spüre. Mein Kollege ist da souveräner. Dennoch gelingt es. Die Stimmung ist stabil gut, sogar mitunter heiter.

Busfahren lieben eigentlich alle. Rauskommen, endlich wieder sehen, ob Berlin noch steht und wenn ja, wie. So viel ist neu. Auch für mich. Mein Kollege weiß viel und erzählt gerne - zur Stadtgeschichte und mehr. Das ist klasse. Ich lerne von ihm und höre auch gerne zu. Manchmal fühle ich mich regressiv klein und unwissend (so als hätte ich in der Schule nicht aufgepasst bei so vielen Themen), aber es gibt zu viel Anderes, was wichtiger ist als dieser Gedanke. Das Wahrnehmen selbst. Die besondere Gruppendynamik. Ich bleibe wach für all die Eindrücke und auch Gefühle.


Schon in meiner Vorrecherche, auch meinem Vorabausflug in den Treptower Park und gerade zum Sowjetischen Ehrenmal, muss ich durch meine Vorurteile und damit Widerstände durch. Es ist heiß und der helle Stein wirkt wüstenhaft auf mich - eine echte Durststrecke. Es ist für mich schwer, neutral an die Sache heranzugehen, dennoch will ich einen offenen Denkraum öffnen versuchen. Das ist mein Ziel.

Ich suche nach einer vermittelbaren Struktur, die mir erstmal Halt gibt. Ich sehe Geometrien und bekannte Formen (z.B. die eines Hippodroms, griech. Pferderennbahn), Bezüge, Sichtachsen und bestimmte gelenkte Perspektiven, die alle eine besondere Wirkung entfalten. Der Treptower Park war mal ein Wald, daher gibt es dort einen herrlich üppigen und alten Baumbestand. Am künstlich angelegten Karpfenteich sehe ich ein Schild zur Geschichte des Ortes und begreife, dass es zur Zeit der Gewerbeausstellung, in Berlin 1896, dort Schaudörfer gab, die die deutschen Kolonien aufzeigten. Ein afrikanisches Dorf z.B. mit farbigen Menschen, die man beschauen konnte. Auch eine leicht verstörende Vorstellung.


Vorbereitung - was ist zumutbar? - Vergleiche helfen (zumindest mir)


Das Ehrenmal selbst ist eine Gedenkstätte und auch ein Soldatenfriedhof. Es ist direkt nach dem zweiten Weltkrieg 1946-1949 auf einem hippodromförmigen Sport- und Spielfeld erbaut worden. Die Form scheint beibehalten worden zu sein. Es zeigt Sportstadions-Charakter, mit einer Art "Aschenbahn" aus rötlichem, lorbeerornamentalen Bodenmosaik. Besonders die Statuen-Sichtachse mit "Mutter Heimat" und der Kollossalstatue "Der Befreier" fallen auf. Mir helfen hier Vergleiche mit der Pieta (1937/38) von Käthe Kollwitz, vierfach vergrößert zu sehen in der Neuen Wache (Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, Carl Friedrich Schinkel, 1816-1818) und dem War Cemetery, dem Britischen Soldatenfriedhof für die gefallenen Soldaten in der Heerstraße (1955-1957). Andere, versöhnlichere Sichtweisen auf die gleichen Themen.

Die Hängebirken finde ich schön. Sie erinnern mich an Skandinavien und spielen melancholisch im Wind. Mir fällt auf, dass die Zahl vier eine mir auffallende Rolle in Berlin zu spielen scheint: Vier Schinkel-Vorstadtkirchen (siehe Artikel über Ausflugstherapie: "Der Buckelwal und ich"), vier Volksparks, vier sowjetische Ehrenmale in Berlin.

Themen wie Massenheldentum/ Massenheroismus, Blut- und Boden- Ideologie, Staatsrigorismus, Megalomanie, Imponier- und Einschüchterungsarchitektur, sozialistischer Realismus uvm. wollen verhandelt werden. Ich versuche mich in einem Menschenbildsentwurf der Zeit und begreife meinen eigenen im Vergleich. Alles und jede*r hat sich der faschistisch-kommunistischen Ideologie unterzuordnen. Eine Überwältigungsmaschinerie wie ein Tsunami, die totale Verführung zum Großartigen, Megalomanen, zum Übermenschlichen und Ewigen. Der einzelne zählt nicht - der Wert liegt auf der Masse, die allesamt dem einen Weltbild, zumeist eines narzisstischen Despoten und einer Umsetzungsmaschinerie, nachzufolgen hat.

Ich atme tief durch. Die Arbeit mit den Sinnen und dem Sinnfinden


Es beginnt am Torbogen, einem von zwei symmetrisch gegenüberliegenden Triumphbögen. Fragen von mir und meinem Kollegen zum tiefergehenden Sehen und Begreifen stellen den Triumph zum Sieg eines potentiell gewonnenen Krieges heraus; entwickelt von den Römern, was ein Bewohner herausstellt. Ich rege ein bewusstes Durchschreiten durch das Tor an. Tatsächlich schreiten alle sehr bedacht und wie in einer achtsamen Gehmeditation weiter. Alle sind ruhig. Irgendwie wirkt es leicht gehemmt. Wir versuchen den Geist durch weitere Anregungen an einer Schautafel mit einem Bild der Anlage von oben in Bewegung zu bringen und auf die besondere Form der Anlage aufmerksam zu machen. Ich habe wieder Klemmbretter dabei zum möglichen Gedanken notieren (die ich ob der Größe der Anlage und neuen Gruppenzusammensetzung nicht nutze). Und illustrierende Bilder zum Zeigen.

An der Statue "Mutter Heimat" umschreiten wir sie und ich rege ein Nachstellen der besonderen Bewegung an. Langsam trauen sich mehr Bewohner*innen mitzuwirken. Eine Faust wird geballt. Die Geste wird verhalten angedeutet. Wir deuten die Sichtachse in Richtung Kollossalstatue an. Das Mutterthema, wie man als Mutter trauern kann - man bedenke, wir sind auf einem Soldatenfriedhof - zeige ich im Vergleich auf einem Bild von Käthe Kollwitz' Skulptur Pieta. Eine zarte Handgeste. Eine Bewohnerin möchte hier warten und nicht den Weg zur Kollossalstatue gehen. Wir vermuten, dass auch bei ihr Erinnerungen an ihre Zeit in der DDR hochkommen, was sich später bestätigen wird.

Langsam schreiten wir die leichte Steigung hoch - lenken den Blick auf die Hängebirken in ihrer Verneigung. Kein Wort zuviel. Es wirkt fast andächtig. Von acht Teilnehmenden sind sechs ostsozialisiert, mich und einen weiteren Bewohner ausgenommen.

Wir stellen uns lebhaft die Massenveranstaltungen mit Fackeln in der Dunkelheit vor. Sie sind wie noch spürbar hier. Der Blick auf das symbolische Gräberfeld mitsamt Kollossalstatue "Der Befreier" wirken fast überwältigend. Wir regen an, die Symmetrie der Anlage zu entdecken. Mein Kollege spricht einen Bewohner direkt auf seinen beruflichen Hintergrund als Landschaftsgärtner an; er kann jedoch darauf derzeit nicht reagieren. Zwei Hauptstatuen, zwei stilisierte Fahnen, zwei knieende Soldaten. Drei Gräberfelder, 16 Sarkophage. Viele unterschiedliche Materialien, roter Granit, weißer Granit, eine rötlich lorbeerne Mosaikstraße in Aschenbahnoptik.

Es ist vom Wetter her angenehm heute, dennoch wirkt der weiße Stein, auf dem wir laufen, wie eine Wüste und heizt uns auf.

Ich lenke den Gang an die linke Seite - in die Kühle der Bäume, vorbei an den reliefenen Sarkophagen mit einer Geschichte von soldatischen Heroen. Wir suchen einen Platz auf einer steinernen Bank - fragen immer wieder nach, ob es noch gehen würde. Die Bewohner*innen sind längere Wege und damit Spazierengehen nicht wirklich gewohnt. Einem Bewohner, der neu dabei ist und gerne mit wollte, drückt der Schuh. Endlich sitzen, eine Rauchen, Ausruhen.


Drei Bewohner*innen können sich den Weg hoch zur Kollossalstatue vorstellen. Dennoch ersparen wir uns das. Wir schauen sie uns dennoch von Weitem genauer an. Auf unser Nachfragen hin wird der heroische Soldat mit dem gesenkten Schwert und dem zertretenen Hakenkreuz beschrieben. Manche sehen nicht so gut.

Wir greifen den Faden mit der Megalomanie und der Überrumpelung als Strategie auf - dazu zeige ich Bilder von achitektonischen Entwürfen für Berlin von Albert Speer, zur Zeit des Nationalsozialismus. Ich beschreibe noch einmal meinen Widerwillen, mich mit ideologiegeschwängerten Megalomaniebauten auseinandersetzen zu müssen/ dürfen und der Freiwilligkeit, es doch zu tun und letztendlich nicht zu bereuen. Es ist meine Freiheit durch eine geistige Leistung, mich dafür zu entscheiden. Und irgendwie bin ich froh, dieses Mahnmal erleben, reflektieren und in einer (kapitalistischen) Demokratie leben zu dürfen; auch wenn man auch diese kritisch hinterfragen darf, wie man es in einer Demokratie überhaupt darf, im Vergleich zu einer Diktatur.


Wir landen beim Thema Freiheit. Ehrlich, authentisch. Ein Versuch.


Mein Kollege greift den Faden der Freiheit auf. Auch er zeigt sich authentisch ehrlich, auch verletzlich; auch er kennt die dunkle Seite der Sucht, einen Fast-Abstieg und wie er gerungen hat, sich wieder zu stabilisieren. Freiheit ist eines der großen Themen bei den Bewohner*innen. Lange haderten sie mit ihrer unfreiwiligen Situation, in die sie durch exzessiven Alkoholmißbrauch, schließlich von der Klinik in den besonderen Bewohnerbereich, mit Fokus Wernicke-Korsakow-Syndrom, geraten sind. Manche hadern noch immer und immer wieder, manche haben sich eingelebt und erleben oft gute Momente in wohlwollender Gemeinschaft. Manche leben in innerer Emigration; haben sich vom Leben wie abgeschnitten. Eine Bewohnerin betont noch einmal, wie sehr sie sich freue, mit dabei sein zu dürfen.

Ich stelle ihre Wahl als ihre Freiheit, ihre freie Entscheidung, sich auf das Neue und Unerwartete eines Ausfluges zu freuen, heraus. Und die Wirkung ist Offenheit und Wertschätzung, auch Genussfähigkeit. Alles ist dann durch die Freude von mehr Leichtigkeit begleitet, als wenn man aus dem Widerstand heraus handelt, was alles erschweren kann. Sie wirkt in dem Moment vorbildhaft auf mich, vielleicht auch auf die Anderen. Es ist schön und für mich fast erlösend, sie in ihrer Freude zu erleben. Da einem Bewohner der Schuh drückt, gehen wir einen Seitenweg, der viel kürzer und fast im Vergleich harmlos wirkt, wieder zurück. Dort nehmen wir auch wieder die Bewohnerin in Empfang, die eine Zeitlang alleine sein wollte. Ich frage beim Laufen einen mir schon etwas vertrauteren Bewohner, westsozialisiert wie auch ich, wie er den Ausflug zum Ehrenmal finde. Er sagt, er sei unpolitisch. Ihn begeistere der Ausflug. Dass wir überhaupt hier sind, dass es sowas gibt. Die Form. Die Materialien. Er mag unterschiedliche Materialien und Anregungen und ist einfach gerne mit dabei. Er ist ein stillerer, wenn auch friedliebend-humorvoller Zeitgenosse mit einer bisweilen melancholischen, fast sanften und manchmal leicht gleichförmig-stabilen Herangehensweise an die Dinge. Er zeigt eine stille Variante der Freude, in dem er einfach mit dabei ist und alles würdigt.


Die Erinnerung kommt draußen.


Als wir aus dem Triumpfbogen bewußt heraustreten, bleiben wir noch eine kleine Weile stehen. Bei den Bewohner*innen kommt nun mehr Erinnerung. Hier moderiert eher mein Kollege. Die Geschichten, die herauswollen, haben viel mit der erlebten DDR-Geschichte als Jugendliche und junge Erwachsene zu tun. Die Bewohnerin, die sich eine zeitlang ausgeklinkt hat, kommt in Wallung. Da schwingt eine alte Wut mit - gegen die Wessis, in dem Moment ich, die ich ja nicht verstehen und nachvollziehen könne, was sie erlebt habe (Sie ist oft wütend. Bisweilen würdigt sie vieles herab und läßt an wenigen Dingen und auch Menschen ein gutes Haar). Da hat sie vollkommen recht. Ich halte mich eher zurück und versuche es gar nicht erst, irgendwie aus der Erfahrungsperspektive mitsprechen zu wollen. Dennoch interessiere ich mich schon lange für dieses Thema, bleibe offen für die Geschichten. Werde still. Sie war als Jugendliche im Ehrenmal. Und eine Schülerreise brachte sie in das KZ Buchenwald. Ein tief sitzender, krasser Eindruck. Dennoch wird sie dieses Mal nicht ausfallend, bleibt im Rahmen und auf ihre besondere Art recht freundlich. Irgendetwas im Moment scheint auch für sie gut zu sein. Ein weiterer Bewohner berichtet auch, als Schüler von einer uckermärkischen Kleinstadt, im Rahmen eines Schulausfluges, im Ehrenmal gewesen zu sein. Ein langverschüttetes Erleben. Die Jugendzeit ist für einen guten Moment in der Erinnerung präsent.

"Weshalb schmeckt es mir so gut?" - Das gemeinsame Picknick nach dem Denkraum


Dann geht es zum Picknick. Das zweite Highlight unseres Ausfluges. Das Essen nach einem Kulturausflug schmeckt den Bewohner*innen und auch mir besonders gut. Die Lunchboxen für uns sind mit Liebe gemacht: Belegter Toast, Melone in Scheiben, Kuchen, Kekse, Apfelsaft und Wasser. Ich gehe ein paar Male herum und reiche die Leckereien unseren Bewohner*innen, die leicht verstreut sitzen. Gelebte Zuwendungskultur. Besonders die Doppeldeckerkekse finden reißenden Absatz. Eine Bewohnerin setzt sich zu mir. Sie mag es, einfach dabei zu sein, aber nicht weiter aufzufallen. Menschen beim Dasein zu beobachten. Sie wirkt fröhlich. Da teilen wir was. Ich bin auch gerne einfach dabei.

Überhaupt ist die Stimmung ausgelassen. Ich darf Photos in neckischen Posen machen. Sie lachen und freuen sich. Ein schöner, lebendiger Moment.

Liebling Kreuzberg und der Mauerstreifen - die kleine Stadtrundfahrt


Eine kleine Stadtrundfahrt gen Kreuzberg und Mitte rundet unseren Ausflug ab. In Kreuzberg zeigt uns der Kollege den Mauerverlauf, der quer durch die Stadt verläuft und für uns in der Nähe der Heinrich-Heine-straße/ Moritzplatz zu sehen ist. Wir erfahren wo u.a. Liebling Kreuzberg gedreht wurde und, dass in Mitte in einem bestimmten Hochhaus die Mitarbeitenden der Diplomaten und Botschafter zu DDR-Zeiten untergebracht waren.


Ich fühle mich reich beschenkt. Auch wenn ich erschöpft bin.


Zurück auf dem Bewohnerbereich kommt eine Bewohnerin aktiv auf mich zu und drückt nocheinmal ihre Freude und v.a. ihre Dankbarkeit aus. Sie ist gerne bei Allem dabei und profitiert auf ganzer Linie, sagt sie. So viele gute Eindrücke, so viel spürbares Engagement, Wohlwollen und Wertschätzung. Bei ihr kommt es an und diesen Weg lohnt es weiter zu gehen.


Du, laß dich nicht verbrauchen, Gebrauche deine Zeit.

Du kannst nicht untertauchen, Du brauchst uns und wir brauchen grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen - In dieser Schweigezeit.

Das Grün bricht aus den Zweigen - Wir wolln das allen zeigen,

Dann wissen sie Bescheid.


Wolf Biermann, Ermutigung

Ausschnitt 2





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