Welt als Kunstwerk á la Readymade

Aktualisiert: Apr 14



Seit geraumer Zeit darf ich mit Menschen arbeiten, die mit einem Wernicke- Korsakow-Syndrom leben. Die Kreativtherapie, mit Musik und Kunst, spielt dabei eine besondere Rolle, weil sie Abwechslung in den Alltag bringt, das Gedächtnis trainiert, Ressourcen aktiviert und manchmal Potentiale entfaltet. Mein Blick als Kunsttherapeutin entstammt unter anderem meinen kunsthistorisch-geisteswissenschaftlichen Studien, meiner Arbeit im Museum (Museumspädagogik) und meiner langjährigen Arbeit im palliativ- und schmerzmedizinischen Feld.


1. Die Idee und Methode “Welt als Kunstwerk” - Von Ikebana zum Readymade oder auch Readymade-Methode


Besondere Situation Ein Bewohner sitzt gerne an verschiedenen Stellen in den Fluren. Er ist freundlich zugewandt und für jedes nette Wort zu haben. Er beobachtet, was um ihn herum geschieht. Ich frage ihn, ob ich mich zu ihm setzen darf. Wir unterhalten uns über seinen Blick, seine besondere Wahrnehmung des Geschehens. Auf einem Tisch steht eine Kunstblume, ein leicht verstaubter Ikebana- Verschnitt. Ikebana ist die japanische Kunst des Blumenarrangierens (jap. für "lebende Blumen"). Ikebana als Kunstform versucht die Natur zum Menschen zu bringen und gleichzeitig stellt sie die kosmische Ordnung als Sinnbild dar. In ihr ausgedrückt sind immer auch die Gefühle des Gestaltenden beim Tun selbst.

Ein Gespräch entsteht über die Geschichte über die Wanderung dieses Gesteckes im Raum. Wir wechseln den Ort und schauen auf das Gesteck wie auf ein Kunstwerk á la Marcel Duchamp - mit seinen Readymades, wie die Fountain (1917) auf und in einem white cube (Ausstellungsraum in weiß. Oft mit weißem Podest für Ausstellungsobjekte).

Ein Readymade (engl. "gebrauchsfertig") ist ein Alltags-Gegenstand, wie ein Flaschentrockner oder ein Pissoir, der in einen neuen Kontext, z.B. ins Museum auf ein weißes Podest, gestellt wird. So werden Gespräche über das Ding an sich, seine Entstehungsgeschichte und damit eine Würdigung des Gegenstandes möglich.

Unser Blick auf das Ding und den Raum weitet sich. Wir kommen assoziativ zu verschiedenen Themen. Auch zu biographischen. Ein anderer Bewohner klingt sich an der einen oder anderen Stelle mit ein. Es macht Freude.



Es verändert den Moment in einen besonderen, so als wären wir in einer Kunst-Ausstellung. Daran können wir wieder anknüpfen. Und wir beide werden miteinander vertrauter. Auch das Objekt selbst, die Kunstblume, wächst uns langsam ans Herz. Egal wie verstaubt und krumm sie ist. Auch der Raum mit seinen unzähligen Örtchen und damit Blickwinkeln.

Es würdigt den Menschen in seinem So-Sein, Gepflogenheiten, Ritualen und auch in seinem sicheren Rahmen. Seinen individuellen Blick auf das Geschehen und die Welt. Wie von selbst entsteht ein neues Drittes. Überall kann Kunst, Ausstellung und damit den Geist Anregendes sein.


Ein wertvoller, sinnstiftender und emotional freudvoller Augenblick, den zwei bis drei Menschen teilen. Und der vielleicht im Gedächtnis, zuerst im Kurzzeitgedächtnis und auch, so hoffe ich, im Langzeitgedächtnis hängenbleiben kann. Ich lasse mich mal überraschen und bleibe offen. Zumindest bleibt er erstmal in meinem Gedächtnis, als ein schöner lebendiger Augenblick, haften.

Das Aufschreiben, jetzt als Idee und Methode, mitsamt Einbettung in ein größeres Kulturgeschehen, hilft ebenso den Moment zu würdigen und damit als wertvoll zu erachten.


Eine ästhetische Erfahrung, die Augen und Geist öffnet.

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