Eine Ausstellung entsteht. Gemeinsam Kuratieren.

Im Rahmen recreationaler Kunsttherapie - und mit der Ausflugstherapie („beleben & entspannen“).


Mit unseren Bewohner:innen einer Seniorenresidenz. Bei unseren Bewohner:innen handelt es sich um chronisch mehrfachgeschädigte Abhängigkeitskranke (CMA/ alkoholbedingt).



Stand: 11.04.2022


Die Ausstellung heißt - „Kunstgarten! Quer durch die Welt.“ - selbst erlebt und gestaltet- Malereien, Collagen, Photographien


Überblick


Es ist schon unsere zweite Ausstellung (Link zu unserer ersten Ausstellung: https://www.gunillagoettlicher.de/post/ausfliegen-ausfl%C3%BCge-ausstellung-vorbereitung-vernissage-recreationale-ausflugstherapie). Sie entstand auf Anregung und Nachfrage der beteiligten, kreativ tätigen Menschen. Selbst der poetische Titel ist von ihnen. Jede:r bringt Mosaikteilchen dazu - jede:r so er/sie kann - und zusammen gestaltet sich ein Gesamtkunstwerk als Ausstellung. Meine Rolle ist dabei, den Überblick zu behalten, Überforderungen zu vermeiden und jedem/r nach seinen/ihren Möglichkeiten gerecht zu werden. Wenn mich auch eine Bewohnerin manchmal zu mehr Gelassenheit gemahnt. Wir lernen gegenseitig und voneinander - oder doch zumindest ich von ihnen. Ich muss gestehen, dass sie in vielerlei Hinsicht (auf mich) wie Zen-Meister wirken können. Ich lasse mich durch sie inspirieren. Die Inspiration und Freude und ein aufmerksam wertschätzendes Miteinander - auch ein konstruktives Teamwork - stehen dabei im Vordergrund.



Ein besonderes Konzept - Der rote Faden der Ariadne

Auf diese Art entsteht eine Art Verbundenheit mit der Ausstellung: Mit den ausgestellten eigenen Werken und den Ausflugsphotographien. Die Photographien entstehen durch v.a. meine spontane Hand auf unseren Ausflügen. Mit den Bildern der Ausflüge haben wir schon viel gearbeitet: Sie angeschaut und uns erinnert. Collagen mit ihnen gestaltet, Elemente aus ihnen in Malereien/ Zeichnungen mit eingebaut uvm.


Die Werke - Malereien, Collagen, colorierten Zeichnungen entspringen unserer Kunsttherapie - bei einer Kollegin und bei mir in der Werkstatt. Alles baut aufeinander auf. Damit wir uns rückbeziehen und auch die Bewohner:innen sich besser erinnern können. Denn um Erinnerungsarbeit geht es: "Erinnerung ist eine Form der Begegnung", so Khalil Gibran. Wir schaffen Begegnungen mit uns, mit der Kunst, Kultur und Orten (mit ihrer Natur). Damit wir uns "reiben" aneinander, es emotional durch v.a. positive Gefühle warm wird und man nicht so vereinzelt und leicht unterkühlt dasteht. Alles darf miteinander verbunden sein. Jede:r gehört dazu und darf sich einbringen. Auch wenn Gibran weiter ausführt, dass Vergesslichkeit eine Form der Freiheit ist. Es ist gut beides zu haben. Erinnerungen und das Vergessen.


Wert und Wirkung(en) der Ausstellung

Durch die Ausstellung in den Wohnbereichsgängen sind ihnen ihre Werke und Erlebnisräume vor Augen. Sie sehen sich und haben die Möglichkeit sich zu erinnern. Sie berichten mir, dass sie oft vor einzelnen Werken stehen bleiben und sich dann freuen, dass sie mit dabei und sichtbar sind. Sie fühlen sich gesehen, gewertschätzt und kompetent(er). Sie denken dann nach - Erinnerungen (oder doch zumindest Bruchstücke) kommen zurück. Sie entkommen ihren eingefahrenen Routinen. Fühlen sich selbstbestimm(er) und empfinden oftmals Stolz und Freude. Manchmal entstehen Gespräche mit Bewohner:innen und Mitarbeiter:innen. Ein Bewohner (der nicht in meiner Gruppe ist) sprach mich heute an, dass er mir (uns) ein Lob aussprechen wolle: Die Bilder mitsamt Hängung, direkt vor seiner Türe, werten die Bilder auf; dies tue ihm gut und bringe ihm (ästhetischen) Genuss. Und jüngst wollte eine Pflegekraft ein Bild von einem Bewohner mit einem besonderen Schiff haben. Sie sah es und verliebte sich in das Bild, das vielleicht und leise von Weite und Sehnsucht der Ferne erzählt. Er fragte mich ("Erstmal die Chefin fragen"), widmete es ihr und überreichte es ihr feierlich. Ein schöner, reicher, menschlich warmer Moment im Sinne des Sprichwortes "geteilte Freude ist doppelte Freude". Oder wie es bei uns in der Gruppe so heiter heißt: "Geteilte Freude ist halbes Leid."


Jede:r bringt seine Mosaiksteine zu einem allumfassenden Ganzen ein.


Mir ist bei unserer Arbeit - Ausflügen, kunsttherapeutischen Gruppen und offenem Atelier - wichtig, dass sie bei quasi Allem mit dabei sein und sich einbringen können. Jede:r nach seinen Möglichkeiten. Denn es gibt gute und schlechte Momente/Tage und nicht immer hat jede:r Lust/Kraft. Manchmal ziehen sich Bewohner:innen auch mal für längere Zeit zurück. Sie wohnen dort. Sie brauchen Freiräume.

1. Wir zusammen haben die Photos aus der Ausflugstherapie und die in der Werkstatt entstandenen Werke ausgesucht


2. Die Rahmen geholt, die "alten" Bilder rausgeholt


3. die neuen Bilder in die Rahmen eingepflegt


4. an der Wand - in zwei Wohnbereichen - komponiert und von der Ästhetik her für stimmig befunden.


5. Parallel entstanden zwei Plakatgestaltungen von zwei Bewohner:innen.


6. Zuletzt noch die Bildunterschriften, zum besseren Einblick in das jeweilige Bild (diesmal mein Part).


Besonders eine Bewohnerin hat sich als engagierte Kuratorin hervorgetan: von ihr stammt auch die praktische Idee, Hilfsmittel wie Spachtel beim Umknicken der Laschen bei den Rahmen zu nutzen.

Selbst die Ausstellungsposter sind von den Bewohner:innen gestaltet. Denn den einen liegt es ein Bild zu malen/ zeichnen. Den anderen kann man zumuten, sich dem Kuratieren der Ausstellung anzunehmen (betreuen, organisieren/wählen, Wand/Raum gestalten, Stimmung erzeugen - Zusammenhänge erkennen, praktisches Tun).


Ein gemeinsames Kuratieren einer Ausstellung. Schritt für Schritt. Mit Gelassenheit und Muße.


Ich bin stolz auf uns Alle!

Ein echtes Gesamkunstwerk und ein starkes Teamwork, bei dem jede:r seine/n Beitrag geleistet hat. Nun wünsche ich mir in nicht allzu ferner Zeit eine feine, kleine Vernissage zu unserer Aller Freude.

Danke für dieses Geschenk eines friedlich menschlichen Miteinanders!



Impressionen des Ausstellungsaufbaus


Auswahl treffen: Werke der Bewohner:innen

Auswahl treffen: Photographien von unseren Ausflügen

Plakatgestaltung(en)

Kuratieren: die praktische Seite

Kuratieren: Hängen - auf Symmetrie achten

Kuratieren: Praktische Lösungen für kleine Laschen finden

Der Genuss der Ausstellung: Sichtbarsein, Gesprächsanlässe finden, Kompetenz erleben


Und immer wieder Relaxen, ausruhen, "verdauen" und würdigen:

Zum erstmal "kleinen" feierlichen Ausgang (da eine Vernissage vertagt werden muss): Ein Dank mit Schaumkuss und Lindthase und einem Film zum Relaxen (Cinematherapie). Die Doku "Unsere Erde" tat uns Allen nach all unserer großen Mühe gut. Wir genossen spektakuläre Tier- und Naturaufnahmen und das freundliche Miteinander.


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