Hilft die Kunst bei Schmerzen? Kunsttherapie im Rahmen der multimodalen Schmerztherapie

Hier wird weitergeforscht-

Forschungsstand: 13.05.2021 - Ein erster Einblick



Kunst wirkt bei Schmerzen

wie ein innerer Regenbogen.“

- GG


Heute durfte ich einmal wieder die Erfahrung machen, dass Kunst und die Kunsttherapie gerade bei Menschen, die unter vielgestaltigen und oft chronischen Schmerzen leiden, kleine Wunder wirken.


Im Rahmen von multimodaler Schmerztherapie (kurz: MMST) begleitet unser Team

stationär Menschen mit Schmerzen, die medizinisch schwer in den Griff zu kriegen sind. Der multimodale Ansatz zeigt unterschiedliche Möglichkeiten auf, einen besseren Umgang mit den Schmerzen zu finden und einzuüben. Hierzu gehören bei uns die Medizin, die Psychotherapie, die Pflege, die Physiotherapie, Entspannungstherapie und die Kunsttherapie. Andere Therapien können, bei Bedarf, mit eingebunden werden. Unsere Patienten sind ca. 2,5-3,5 Wochen stationär bei uns. Kunsttherapie findet daher ca. 4-6 Male statt. Zweimal die Woche á 90 Minuten. Die derzeitige Gruppengröße beträgt COVID19-bedingt drei, selten max. vier Teilnehmer*innen. Betreut werden zwei Gruppen von drei Kunsttherapeutinnen. Ursprünglich und vor-COVID19 betrug die Gruppengröße bis zu sechs Teilnehmer*innen pro Gruppe.


Ein recreationaler und revitalisierender Ansatz in der Kunsttherapie


Revitalisierung und Recreation stehen beim konzeptionellen Ansatz, wie ich ihn vertrete, im Vordergrund. Revitalisierung (originärer Interessen) meint das "Sich wieder lebendig erleben" und entspringt einem Denken (Haltung) und auch einer auf die Patient*innen-Bedürfnisse abgestimmten Auftragslage an die Kunsttherapie aus dem Bereich Palliativmedizin, in dem ich fast zehn Jahre arbeiten durfte. Und der mich bis heute prägt. Der Begriff Recreation meint das Wiedererlangen von Kraft nach einer Anstrengung durch Erholung. Im Vordergrund steht ein Aufblühen des Menschen, "Flourish" nach Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie des gelingenden Lebens. Und darüber hinaus ist es ein weiteres Ziel dranzubleiben an sich selbst. Nachhaltig für sich kreativ zu sein, um sich selbst Momente des Sich frei sein lassens (auch: Experimentieren) und damit ein tiefes inneres Glück zu schenken.



Die Kunsttherapie, wie ich sie daraufhin konzipiert habe und mit meinen Kolleg*innen gestalte, versucht Wege aufzuzeigen, die den Menschen


- rausnimmt aus dem Alltagsgeschehen und damit schon Entspannung bringt

- mit Gleichgesinnten im Rahmen einer Kreativ-Gruppe zusammenbringt

- einen individuellen Möglichkeitsraum, Eigenes zu entdecken, zur Verfügung stellt

- ablenkt von Sorgen und Grübeln

- neue Perspektiven durch Erholung eröffnen kann

- inspiriert für Phänomene. Außen (Kultur, Natur etc.) wie innen (innerpsychisch) und

- ermutigt, neue Erfahrungen zu machen.

- Das "Flow-Erleben" möglich macht (nach Mihály Csikszentmihályi)

- punktuell die eigenen Potentiale entfalten hilft (nach Gerald Hüther).


Es wird ein Setting geschaffen, das helfen kann die eigenen Ressourcen und auch Potentiale mit vorrangig positiven Gefühlen - wie auch den Flow-Zustand (engl. Fließen, Strömen) - zu erleben. Mit dem "Flow-Erleben" wird ein Zustand beschrieben, der mit Vertiefung und Konzentration auf eine Sache zu tun hat und der beim Menschen Gefühle von Glück und tiefempfundener Freude auslösen kann (Ausschüttung von sog. Glücks-Hormonen wie Serotonin, Dopamin, Endorphinen). Dieses Glücksempfinden kann, nach Ausssagen einiger meiner Patient*innen, bis zu einer Stunde nach der Therapie anhalten. Oft wird auch schon das Gruppengeschehen als heilsam empfunden. Menschen teilen ihre Schmerzthematik mit Gleichgesinnten und sind damit nicht mehr alleine.


Für Momente erlebt sich der Mensch freier, freudiger und wendiger. Im Flow-Zustand wird das Schmerzempfinden manchmal durch einen Zustand des freudvollen Tuns gehemmt und wirkt bisweilen noch eine gute Zeit nach dem Gruppensetting - wie ein heiteres Beschwingtsein - weiter.

Unsere Patienten werden angehalten, sich über die Therapiezeit hinaus vielgestaltig kreativ zu betätigen, um einen Übungseffekt mit Raum und Zeit für sich in Kombination mit positiven Gefühlen, zu erzielen.


Ziel ist es mittels einfacher Kreativ-Methoden zuhause weiter zu gestalten. Um durch Aktiv-Sein die eigene Lebensqualität zu steigern. Im Arztbrief finden die Patient*innen eine individuelle Empfehlung sowie auch ein Handout, auf dem eine Ermunterung und die benutzen Materialien zum Nachkaufen stehen.


Aus der Praxis -


Die eigene Ausstellung -

Von kleinen und großen Freuden



Am Ende einer gemeinsamen Reise steht manchesmal die Idee, seine eigene kleine Ausstellung mit den entstandenen Werken und weiteren Objekten zu kuratieren. Hierfür stelle ich einen Raum und kleine Objekte zum Hinzustellen zur Verfügung. Entstanden sind Werke im Projekt-Heft, Collagen, Aquarelle und ein modellierter Talisman zum Erinnern an die gemeinsame und zumeist gute Zeit. Manchmal noch kleinere oder größere Objekte und Werke, die von den Patienten auf ihren Zimmern gefertigt wurden.


"Wie heißt dieser Vogel am Fenster?"


Eine Teilnehmerin (86 Jahre) mit beginnender Demenz und Lendenwirbel-Schmerzen entdeckte erneut ihre Neugierde durch bewusstes Fragenstellen und überhaupt Offensein für Neues. Für fremde Kulturen und das mutvolle Experimentieren (Versuch und Irrtum) und ihre große Liebe zur Natur. Ihr Talisman ist ein tiefrotes, prall gefülltes Herz.

Wider den Perfektionismus und für den inneren Regenbogen


Eine jüngere Teilnehmerin (Ende 40) mit Fibromyalgie und Migräne entdeckte ihren „Inneren Regenbogen“. Wie sie es leichter schaffen kann, freudvoll leichte Momente voll glücklicher Kindheit, mit sich zu erleben, trotz oder gerade wegen aller Schmerzen und Sorgen. Der eigene Perfektionismus wurde „enttarnt“ und Ideen gefunden, ihn spielerisch zu „überlisten“. Ihre innere „Mary Poppins“ und auch „Pippi Langstrumpf“ werden ihr den Weg weisen. Sie nahm die MMST bereits das zweite Mal in Anspruch und wird dieses Jahr noch ein weiteres Mal zu uns kommen.


Täglich Gemüse und "Mops" komm her!

Und eine dritte russisch-sprachige Teilnehmerin (Ende 50) mit CAPS-Syndrom hält ihren Geist durch Sprachenlernen fit. Sie kreierte sich mit Collage, Aquarell und Modelliermasse eine Art Vision Board, über Dinge, die sie gerne noch für sich und mit ihrer Familie erleben möchte. Auch einen Hund, eine Französische Bulldogge, mit Namen „Mops“, entsprang ihrem Tun.


Die Therapeutin als Inspirationsquelle


Ich bekam Ehrentitel wie „Mary Poppins“ und auch „Pippi Langstrumpf“ zugeschrieben und durfte und darf als inspirierendes Vorbild wirken. Das, was zuhause oft fehlt, ist diese innere kreative Gestalt und ermutigende Anleitung, der innere Antrieb und die Wertschätzung bzw. Würdigung für das eigene Kreative. Einüben (immer wieder), ermutigen und sich inspirieren lassen sind Voraussetzungen, damit dieser Anteil der inneren „Künstlerin“ wachgeküßt und kultiviert werden kann.


Eine echte win-win- Situation für den Moment und für uns Alle.

Wollen wir hoffen, dass die Erfahrung eine freudig inspirierte Nachhaltigkeit zeitigt und viel weiter geübt wird.


Damit sich Mensch trotz oder gerade wegen seines Schmerzgeschehens aktiv zeigen, glücklich(er) und auch entspannt(er) sein lassen kann.