top of page

Die Reise der Heldin und ihre Nachtmeerfahrt(en)

Aktualisiert: 28. Dez. 2023

Wie man durch die "Erlernte Hilflosigkeit" zu Autonomie und Selbständigkeit findet



Das Leben selbst ist der beste Lehrer.

All meine hochinteressanten Studien, Ausbildungen und Kurse konnten mir längst nicht so einen intensiven Eindruck vom wirklichen Leben vermitteln. Das Leben und der gewordene Mensch mit seinen Erfahrungen - seinen Schlüssen, die ihn haben (oder eben nicht) reifen lassen - sind, so mein Beschluss, das Maß aller Dinge. Das heißt nicht, dass die Theorie nur grau ist. Doch erst die Praxis (mitsamt der Theorie) erweist sich als bunt.


Ich spüre in meiner Besinnung auf die vergangenen Monate, dass Ende des Jahres 2023 noch etwas ausgedrückt werden will. Da ist ein noch ungelöster Knoten. Und ich huste erbärmlich, bin verschnupft. Irgendetwas läuft noch nicht so rund, wie ich es gerne (in mir) hätte. Was mag mir helfen?

Die Recherche für die Steuer 2022, die ich mittlerweile als wertvolle Biographiearbeit ansehe - bringt mich in eine Wut über eine mir widerfahrene Ungerechtigkeit hinein. Doch ich will diese Wut nicht den betroffenen Menschen "um die Ohren hauen". Sondern vielmehr versuchen, mir selbst (auch meiner inneren Kleinen) eine Geschichte zu erzählen: Die Geschichte der Heldin, die ich durch meine Odyssee geworden bin. Mal sehen, ob diese Kompensation klappt. Ein Versuch ist es wert.


Wie ich mich so hineinbegebe, in meine Geschichte um meine erlebte Ungerechtigkeit, lande ich immer wieder bei C.G. Jung, seinem Begriff der "Nachtmeerfahrt" und damit bei der Reise des Helden/ der Heldin. Eine alte Erzählung oder auch ein Grundmuster von Mythologien, die eine wahre Wandlung im Menschen bewirkt. Ich lande bei einem zugrundeliegenden Muster. Und finde es so schön und knapp zusammengefasst bei dem Drehbuchautoren und Publizisten Christopher Vogler, der in seinem Buch „The Writer's Journey“ (Die Odyssee des Drehbuchschreibers) dieses Muster verstärkt für Hollywood verfügbar machte.


Der Zyklus der Heldenreise nach Christopher Vogler

(der sich auf den Mythenforscher Joseph Campbell beruft und der wiederum Anleihen bei C.G. Jung nimmt)

  1. Ausgangspunkt: Gewohnte Welt

2. Herold: Ruf des Abenteuers

3. Zunächst Verweigerung

4. Begegnung mit dem Mentor und Überredung, sich einzulassen

5. Überschreiten der ersten Schwelle. Kein Zurück mehr möglich

6. Bewährungsproben: Treffen von Verbündeten und Feinden

7. Vordringen zum empfindlichsten Kern in der Höhle: Held trifft auf Gegner

8. Entscheidende Prüfung: Feuerprobe

9. Belohnung des Helden: Schatz (Erkenntnis, Wissen, Materie)

10. Rückweg: Auferstehung

11. Wandel des Selbst: Individuation

Das Ende der Reise: Der Rückkehrer wird zu Hause mit Anerkennung belohnt

(verkürzter Auszug aus: Wikipedia/ Heldenreise)



Das Abenteuer beginnt

Schon während meiner persönlichen und weiteren "Nachtmeerfahrt" wusste ich es: Das Leben zeigt sich manchmal als eine harte Schulklasse, mit schweren Prüfungen und nervigen und manchmal gefährlichen MitschülerInnen. Mit denen man sich messen oder kloppen muss. Und Prüfungen, die man teilweise besteht oder eben auch nicht. Doch man bekommt immer wieder eine Chance. Wenn man sich tapfer und gewissenhaft den eigenen Herausforderungen stellt.


Die persönliche Geschichte durch dunkle Krisenzeiten, die man selbst - als die Heldin (den Held. Ich bleibe jetzt mal in der weiblichen Form) seines Lebens - durchläuft, nennt der Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie C.G. Jung "Nachtmeerfahrt". Die Heldin erfährt Schicksal und reift durch die Schlüsse, die sie durch ihre Erfahrungen als neues Bewusstsein und auch Weisheit(en) zieht. Vom Kind zur weisen Alten. Oder vom kleinen Mädchen zur Frau Holle'schen Goldmarie.


Bei mir hat es wieder verstärkt 2019 angefangen. Obwohl ich schon so manche "Nachtmeerfahrt" v.a. in jungen Jahren durchstand. Da bin ich in meine persönliche Selbstgerechtigkeitsfalle getappt, die mich hart aus einem Team-Kontext riß. Die Erfahrungen, die ich dann machte, zeigten mir menschliche Ohnmacht durch Verleugnung auf. Als hätte es eine gemeinsame, gute Zeit, nie gegeben. Als hätte es mich und meine gute Arbeit niemals, in diesem Kontext, gegeben. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Da platzte mir buchstäblich der Kragen. Und ich fing an, mich in Sichtbarkeit zu üben. Allein schon aus Trotz! Später wurde es lustvoller, selbstverständlicher und erwachsener. Doch auch, wer zu mir gehörte und auf wen in meinem Leben Verlaß war, wurde mir bewusst. Ich lernte, an mir selbst und auch meiner Wahrheit und Würde dranzubleiben. Mein alter Lehrmeister war da noch an meiner Seite. Er sagte mir, dass es richtig sei, für sich und seine Würde einzustehen und zu kämpfen. Eine wichtige Zeit mit ihm, zumal wir beide lernten, wie essentiell es ist, aufrichtig und beherzt durch Krise(n) zu gehen. Und an sich selbst zu wachsen. Auch wenn es viel von uns fordert. Ich glaube, es war auch für ihn eine befreiende Erfahrung.


Erlernte Hilflosigkeit

Diese treffenden beiden Begriffe für ein fieses, innerpsychisches Phänomen - von sich zu denken, seinem Schicksal ausgeliefert zu sein, nicht lernen und über sich hinauswachsen zu können. Und für die schwierige Situation die Verantwortung tragen zu müssen. Irgendwann befand ich dieses Phänomen für mich, meine Angehörigen und so manche anderen Menschen als wahr und anwendbar. "Erlernte Hilflosigkeit" wurde durch Studien über Depression von Martin Seligman, dem Begründer der positiven Psychologie, und Steven Maier geprägt.




Zu Beginn des Jahres 2020 verstarb dann die Ur-Mutter meiner Albträume. Auch eine große, eher dunkle Lehrmeisterin, eine Königin der Nacht. Sie ging klammheimlich, kurz vor der Heiligen Corona. Sie hatte sich um nichts (vor-)gesorgt, wie ein Kind wiegte sie sich in den Armen ihres väterlichen Sarastro in Sicherheit, als würde sie ewig leben und von Allem befreit sein, was weltlich ist. Das war es, was sie in ihrer Regression glaubte. Frau Tod würde sie niemals finden. Vier Wochen brauchte es, um sich schnell vom Lebensacker zu machen. Dann hatte keiner in meinen Reihen Lust, das Alte wirklich zu verabschieden, zu trauern - sauberzumachen, um das Neue begrüßen zu können. Eine Erfahrung, die mich das Wesen der "Erlernten Hilflosigkeit" hat spüren lassen. Im Gegenteil: Man reagierte sauer und verärgert, dass ich das Alte durch Aufräumen revuepassieren- und gehenlassen wollte. Als wäre nichts Gravierendes passiert: Dabei war ein Mensch verstorben, der viel Ungutes wenn auch Wesentliches in diese Familie brachte. Es musste weiterhin gedeckelt werden, verschoben in das Reich des Unbewussten. Zu dunkel. Lieber noch eine Schicht Tapete draufgekleistert. Anstatt einfach mal alles Alte abzureißen, damit Neues entstehen kann.



Der Ruf und die Angst

Das Jahr 2022 begann schon verheißungsvoll. Ich hatte Ahnungen und war voller alter Kinderangst. Die kleine Närrin in mir, das Kind, war überfordert. Es stellte sich im Laufe des Jahres heraus, dass das der Herold war, der mich rief und ich mich in Kindermanier wegducken und mich verweigern wollte. Doch, als hätte das jemand sich im großen Buch des Lebens erdacht, kam es Schlag auf Schlag. Mein alter Lehrmeister, dieser Sarastro, der mir Vorbild, Ermunterung und Stütze war, verabschiedete sich auch innerhalb kurzer Zeit von meiner Bildfläche. Zurück blieb erstmal Trost- und Ratlosigkeit und v.a. viel Chaos, Müll und viele viele Aufgaben, denen sich jemand stellen musste. Und nach meinen jahrelangen Erfahrungen mit Tapetenschichten und übervollen Schubladen, in die man alles Ungeliebte packen kann (um es nie wieder rausnehmen zu müssen), wusste ich, dass ich nun erneut zur Heldin meines Lebens aufgerufen war.


Reifung kann erst einmal so gemein sein. Tut weh, geht mit Erschöpfung und Ohnmacht einher. Es gibt dunkle, kellerartige Korridore, die endlos scheinen. Viele Irrwege. Verschlossene Türen. Sackgassen. Widerstand wie von Geisterhand. Und Monster, die einen herausfordern, pisacken, an einem knabbern. Viele Monster, die es wirklich nicht gut mit einem meinen.


Darin lag (und liegt noch) meine größte Herausforderung: Ich musste für mich die Monster enttarnen - ihnen die lächelnde Maske abreißen und aushalten, was dann zum Vorschein kommt. Anerkennen, dass es menschliche Wesen gibt, die aufgrund ihres unaufgeräumten Unbewussten lieber Schaden anrichten, als ihren konstruktiven Dienst am und für den Menschen zu leisten, um ein gesundes Miteinander zu pflegen. Es sind auch Monster und damit Widerstände gegen Neuerung (alte Glaubenssätze) in mir und uns selbst, die hinterfragt werden mussten und für viele Umwege sorgten. Denn irgendwie glaubte ich ja fest daran - durch meine "Erlernte Hilflosigkeit" - es gar nicht schaffen zu können.




Von Monstern und Narzissen (in uns)

Wenn man tief in seiner Geschichte mit den darin lebenden Menschen steckt, kann und will man nicht anerkennen und wahrhaben, dass es nahestehende Menschen gibt, die tatsächlich und lediglich auf ihren Vorteil oder auch auf die Destruktion (Auflösung, Nichtung) von Situationen, Lebensentwürfen, Menschen aus sind. Sie sind oftmals tief gekränkt- neidisch, eifersüchtig, verbittert - unhinterfragt steckengeblieben in regressiven Uralt-Mustern. Ein passender Begriff ist Narzissmus. Ein narzisstisches Kreisen um sich selbst, verliebt ins Spiegelbild (das eigene, das nicht erkannt wird als eigenes. Bittere Geschichten, an die man immer noch kindisch glaubt). Wie lange habe ich dafür gebraucht, dieses Phänomen für mich aufzudecken und zu erkennen. Benennen konnte ich es auch lange nicht. Wie gelähmt vom Schock darüber, dass Menschen wirklich manipulativ sein und handeln können, verschlug es mir lange die Sprache (und die Stimme). Verstummt und apathisch musste ich zuschauen, wie etwas in mir einfror und immer mal fast gestorben wäre. Was da fast gestorben wäre, war mein warmes Herz und damit meine Lebendigkeit. Manchmal ist es auch eine Stimmlippe, die gelähmt ist. Ich habe gelernt, von diesen mir nicht wohlgesonnenen Geistern, abzulassen.




Verbündete, Freunde und Gefährten

Doch nun kommt das Verrückte! Durch eine "Nachtmeerfahrt" geht man nicht alleine durch. Es gibt also nicht nur Monster, Feinde und Widersacher. Es gibt auch Freunde, Verbündete und Gefährten. Menschen, die auf einmal oder verstärkt da sind - einem durch mißliche Situationen hindurchhelfen. Die Kunst ist es, die Hilfe als liebevoll und wahr zu erkennen. Zumeist sind es (meiner Erfahrung nach) Menschen, die ähnliche "Nachtmeerfahrten" erlebten und einfach schon Schritte weiter sind als ich. Die Mitgefühl haben und auch helfen können. Ich habe gelernt, Ihre Hilfe anzunehmen - ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das hat etwas von einer win-win-Situation. An einer anderen Stelle darf ich mich für sie oder auch Andere einbringen. Es wird sich ausgleichen. Das Leben sorgt schon dafür.


“Why do we fall? So we can learn to pick ourselves up.”

― Alfred (Aus: "Batman begins")


Meine "Nachtmeerfahrt" hatte dann auch 2023 mit all dem zu tun, wovor ich bisher mein Leben lang Angst hatte. Wovor ich davongelaufen bin. Wie bei Batman (Nolan-Trilogie), dessen größte Angst es war, zu fallen, mit Fledermäusen um ihn herum. Allein gelassen in einem dunklen Schacht zu liegen. Jede "Nachtmeerfahrt" ist anders - und meine wäre für andere vielleicht ein Kinderspiel gewesen. Aber jede hat ihre eigene Herausforderung, ihre eigenen Monster und Dämonen.



Der Schatz: Die Eule der Athena in uns

Meine Stimme der "Erlernten Hilflosigkeit" redete mir jahrelang ein, dass ich meinem Leben lediglich ohnmächtig ausgeliefert sein müsste. Und dass es diese Götter und Göttinnen und LehrmeisterInnen gibt, die allein für mich sorgen können. Um sich selber aufzuwerten und mich kleinzuhalten.


Doch auch in mir gibt es mittlerweile eine entwickelte Führungspersönlichkeit oder Königin, die die Geschäfte meines Lebens beherzt übernommen hat. Sie hat einen großen Freundeskreis und gehört der Menschheitsfamilie an. Sie ist sichtbar. Für sich selbst. Und sie gibt sich Mühe, ist eine Goldmarie. Sie folgt den Zyklen des Lebens.


Ich lernte also indes, dass man bei sich sein muss, um beherzt und Schritt für Schritt durch all seine unzähligen Aufgaben zu finden. Man braucht eine Struktur, einen klaren Kopf. Wenn man von Gefühlen überschwemmt wird, muss man sich ausruhen. Wieder bei sich ankommen. Manchmal braucht man auch gezielt Zerstreuung, um wieder zurück zu seiner begonnenen Aufgabe kommen zu können. Liebevolle und wohlwollende Menschen, die einen erinnern an's Wesentliche. Die für einen Unguten läßt man ihrer Wege ziehen. Läßt sie sein und damit los.


Die Weisheit einer athenischen Eule. Nicht zu verwechseln mit der Eule als Symbol im Mittelalter, als Omen für das Böse. Passenderweise bekam ich zu Weihnachten von einer langjährigen Freundin eine "Rosalie"-Eulenhandpuppe mit drehbarem Kopf und auch "drei Haselnüsse" geschenkt. Es kann also nur gut werden.


Und so kehre ich zu mir nachhause zurück.

Schreibe mir selbst eine Heldinnengeschichte. Der Fokus liegt darauf, was man gelernt hat - welche Wunder sich auftaten. Und nicht, wie bitter es war, wenn es auch so war - zumindest endet es nicht so. Und bisweilen tut es auch immer noch weh. Meine eine Stimmlippe ist noch und vielleicht für immer gelähmt. Ich kann nicht mehr so singen, wie ich es mal von mir gewohnt war. Federn habe ich gelassen. Aber das gehört zum Leben einfach dazu. Wir müssen auch etwas zurückgeben, um etwas erlangen zu können. Lehrt mich das Märchen.


Aber wer weiß, wer weiß...wofür das wieder gut ist! Ich habe ja mal schließlich gesungen - habe Menschen mit meiner Stimme erfreut. Habe mich versucht und es klappte. Und vielleicht gilt es ja jetzt zu neuen Ufern vorzudringen - neue Abenteuer zu wagen ... ich lasse einfach mal offen...und ja, wer weiß... möge es kommen - das Neue!


Herzlich willkommen! Ich bin nun bereit. Meine Wut hat sich in Luft aufgelöst. Ich huste schon weniger. Tränen der Freude fließen.

Ein gutes Zeichen.


Erwarte nichts. Rechne mit Allem. Auch mit dem Guten.
  • Dein Leben




Literatur/ Medien zum Eintauchen


  • Christopher Vogler: Die Odyssee der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker: Mythologische Grundmuster für Schriftsteller. Autorenhaus-Verlag, 2018.

  • Rüdiger Sünner: Nachtmeerfahrten - Eine Reise in die Psychologie C.G. Jungs, 2001.

  • Nolan-Trilogie "Batman": Batman begins (2005). The dark knight (2008). The dark knight rises (2012).

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Der kleine Stern

bottom of page